Text zu meinen Bildern in der Frankfurter Rundschau, 2000

Gefrierpunkte des Lebens - Bilder und Nachrichten aus ostdeutschen Provinzen

Der Stand der Dinge ist nicht auf Punkt und Komma anzugeben. Vor jedem Scheunentor liegt eine eigene Welt, von jedem Kirchturm schlägt eine andere Stunde. Das Leben, ein Flickwerk aus simplen Storys über Geburt, Jugend, viel Arbeit, wenig Rast. Alle Menschen machen Geschichte, überall, und darüber weiß wenig, wer Globalisierung für Realität hält. Gesichter, Geschichten aus tausendundeinem Dorf.
Dieses heißt Elgersburg oder Erfurt oder Magdeburg oder Berlin. Es findet ein Fest statt oder eine Gartenschau oder noch viel häufiger gar nichts. Dann lungert herum, was Jugend heißt, und auch die Alten langweilen sich bei Kaffee und Kuchen oder sie suchen einen Grund im langen, ruhigen Fluss aus Bier. Provinz ist nicht Zustand, sondern Blickwinkel. Nicht Basis, sondern Kontrapunkt städtisch geputzten Seins und Designs.
Der Dachboden der Gesellschaft auch, gefüllt mit vergessenem Gut und vergessen geglaubtem Gerümpel. Wie überzuckert vom Staub vieler Jahre, ganzer Jahrzehnte lebt fort, was sich überlebt zu haben nur schien. Verdrängtes Gestern, prekäres Heute. Und das Morgen gerät kaum in den Blick, weil es feststeht. Provinz ist Statik, summiert aus sehr kleinen Bewegungen. Wer nicht weggeht, muss für immer bleiben, die Optionen heißen: Ja oder Nein. Wer Ja sagt, lebt fort in zeitlosen Bildern als Statist eines historisierenden Films, der die Sinne perfekt zu täuschen vermag.
Die hier versammelten Fotos zeigen keine Szenerien aus den vierziger, fünfziger, sechziger Jahren. Mike Schmidt hat sie alle in den vergangenen ein, zwei Jahren gemacht. Statische Bilder, erstarrt fast, als wollten sie den Gefrierpunkt des Lebens ausloten. Bilder, in denen sich Menschen gerahmt bis gefangen finden von der sie umgebenen Welt. Bilder, die sagen: Alles geht seinen Gang. Sie sagen nicht: Alles wird gut. Nein, das sagen sie nicht. Der Stand der Dinge geht anders. Er setzt Menschen in Steinwüsten und sagt "Garten" dazu. Er stellt sie mit Bierflaschen auf und sagt "Fest". Dabei gibt es nicht viel zu lachen. Vom Kirchturm schlägt eine weitere Stunde, und vor den Scheunentoren liegt offen die Welt.
Das Leben ein Flickwerk aus simplen Storys, und überall machen Menschen Geschichte. Meist ist es nur ihre eigene, doch bildet sich in ihr ab, was fast allen anderen auch widerfährt. Ein Leben, zum Aushalten. Auch nach dem Ja, nach dem Nein.

Ullrich Fichtner (Text)

Bier

Bernd arbeitet am Flughafen. Er ist ein Schaffer, einer, der auf der Strecke zwischen Hausbau, Gartenbewirtschaftung und Fleischverarbeitung alles kann. Sich selbst nennt er einen Praktiker. Wir sind Nachbarn, aber kennen gelernt habe ich Bernd in der "Binding Klause".
In dem Kaff, wo ich zur Zeit stecke, ist das ein öffentliches Wohnzimmer. Die Einheimischen gehen immer noch "zur Maria", so hieß die Wirtin früher. Heute und schon länger regiert Marias Tochter Heide die Wirtschaft. Auf Hessisch entspricht sie dem, was Touristen in ligurischen Dörfern suchen, diese quasi aus der Küche einer Familie heraus gewachsene Gastronomie. Nur wegen Bier kommt keiner zu Heide. Manche kommen wegen ihrem Tatar und dem Presskopf, die meisten aber, glaube ich, kommen, um sich zu erden, um die eigene Skala zu justieren ..., nach all dem Irrsinn auf den Gassen der Welt. Heide ist so patent wie eine TV-Serien-Mutter, und sie lebt auf einem Sockel unverrückbarer Ansichten.
In ihrem Kneipenkosmos bin ich ein Element der Irritation, jemand ohne eheliche und religiöse Bindung und ohne Kinder. Bis ich in das Kaff kam, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich noch einmal, im Gegenlicht eines stabilen familienorientierten Lebensentwurfs, so deutlich zu erkennen bin. Mein Motto heißt, platt gesagt, Selbstverwirklichung in der Arbeit mit anschließendem Saufen. Ich will kein eigenes Haus, und ich suche keine Bindungen, die partout bis zum Lebensende halten sollen. Damit lag ich in der Großstadt richtig, in diesem Dorf macht mich das Konzept auffällig.
Der in Fleisch und Blut übergegangene Egoismus des letztlich selbst in einer Partnerschaft allein stehenden Städters meines Schlages düpiert den Familiensinn der Leute.


Jamal Tuschick (Text)

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Berliner Nachtleben in der Oranienburger Straße